Personal Branding in der Musik

Persönlichkeitsbezogene Künstlervermarktung – Ein Erfolgsfaktorenmodell für die Musikbranche

Im Juli wurde ich im Rahmen einer Masterthesis zum Thema Personal Branding befragt. Vielen Dank an Maximilan Stockert, der das Interview geführt hat.

Mit welchen Herausforderungen sieht sich der moderne Musikkünstler in Zeiten der Digitalisierung konfrontiert?

Hier gibt es mehrere wichtige Aspekte. An aller erster Stelle die öffentliche Wahrnehmung und zwar von Seiten der Distributionskanäle. Während der Künstler früher vor allem durch CD-Verkäufe und Konzerte leben konnte, hat sich das natürlich durch das Internet und die Donwloads stark geändert. Nochmals dann letzten Endes durch die Streaminganbieter. Das wird alles noch an Bedeutung gewinnen. Denn solche Plattformen wie Spotify sind ja oftmals nur beding bereit Tantiemen an Künstler zu zahlen. Da gibt es heute noch einige Leute die sich diesem Thema komplett verweigern. Da muss man sicher aber fragen inwieweit das heutzutage überhaupt noch so funktioniert. Als Musikkünstler muss man sich also zwingend die Frage stellen wie ich auf solchen Plattformen sichtbar werde.

Klar erlebt die Schallplatte aktuell ein neues Revival, aber das ist ja letztendlich kein tragendes Medium mehr, sondern wird nur noch als Vermarktungs-Gimeg in irgendwelche Limited-Edition Boxen beigelegt. Für Nostalgiker ganz nett, aber grundsätzlich gehört dem Streaming und der Digitalisierung die Zukunft. Man muss dort einfach vertreten und präsent sein. Weitergehend ist die Auswahl an unterschiedlicher Musik unglaublich groß geworden. Früher ist man in einen Plattenladen gegangen und hatte, wenn es hochkommt 10000 Platten zur Auswahl, heutzutage sind es im Internet Millionen. Das ist mit Sicherheit eine große Herausforderung sich dieser Konkurrenz auch erfolgreich zu stellen. Es kommt auch immer mehr darauf an, sich klar in einem Genre zu positionieren und genau die richtige Zielgruppe und Nische zu treffen. Und sicherlich ist es grundsätzlich wichtig, sich selbst als Musiker konsumierbar zu machen. Es bringt mir nichts, wenn ich immer noch Schallplatten rausbringe, aber niemand mehr Schallplatten kauft.

Wie wichtig ist die eigene Persönlichkeit des Künstlers?

Hier gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder du bist ein wahnsinnig guter Schauspieler und kannst deinen Fans eine gewisse Rolle vorspielen, was auf lange Sicht aber meistens nicht gut geht, oder du lebst und handelst genauso wie du tatsächlich bist. Hierzu muss man tatsächlich gar nicht die Hosen herunterlassen und jeden Klatschreporter ins Schlafzimmer lassen. Grundsätzlich ist die Persönlichkeit sehr wichtig.

Was ist, Ihrer Meinung nach, ausschlaggebender um als Musikkünstler erfolgreich zu werden: die Musik, oder die Künstlerpersönlichkeit // warum?

Ganz klar die Künstlerpersönlichkeit. Allein aufgrund der Durchmischung der ganzen Genres im Musikbereich. Es gibt von der musikalischen Seite her viel zu viel Konkurrenz um hier tatsächlich noch herauszustechen. Letztendlich gab es ja alles irgendwie schon einmal. Um aus der Masse herauszustechen braucht es hier teilweise schon ein gehöriges Maß an individueller Persönlichkeit.

Der Musikkünstler als Marke (Personal Branding). Ihre Meinung dazu?

Das ist alleine von der Sichtbarkeit und Wahrnehmung her ein sehr wichtiger Punkt. Wenn du eine Marke darstellst, sticht man aus der Masse heraus und das bringt dich am Ende auf die Bühne. An erster Stelle sollte hier aber auf jeden Fall das künstlerische Talent stehen. Wobei selbst das muss gar nicht mal mehr vorrangig sein. Ganz wichtig ist dann natürlich auch die Frage wie man sich selbst verkauft und aus der Masse heraussticht.

Hierzu muss man sich zwangsläufig zu einer Marke mit gewissem Wiedererkennungswert machen. Das muss letztendlich jeder Künstler für sich selbst definieren. Je mehr das dann wirklich zu seiner eigenen Persönlichkeit und Werten passt, desto besser ist es. Das ist eigentlich der Idealfall, weil hier grundsätzlich überhaupt nichts mehr groß erfunden und erzeugt werden muss. Ist ja alles schon im Künstler vorhanden.

Ist Personal Branding für jeden Musiker geeignet?

Im Grunde ist es für jeden geeignet und auch empfehlenswert. Denn letztendlich muss ich sobald ich den Schritt wage und Musiker werde auch auf mich aufmerksam machen um irgendwann vielleicht in der Topliga mitspielen zu können. Das ist wie im Fußball. Es gibt vielleicht hundert Topspieler, die sehr viel Geld verdienen, der Rest spielt irgendwo in der dritten Liga.

Das ist grundsätzlich auch immer eine Frage der eigenen Vermarktung. Um nicht irgendwann in den Modus der brotlosen Kunst zu verfallen ist Personal Branding ein guter Weg für jedermann um sich selbst zu vermarkten und wahrgenommen zu werden.

Unternehmen branden ihre eigenen Produkte um sich von denen anderer Unternehmen zu unterscheiden, wie lässt sich dieser Prozess auf den Musikkünstler übertragen?

Die handwerklichen Schritte sind hierbei im Grunde die gleichen. Letztendlich muss sich der Künstler selbst betrachten und Fragen: wo stehe ich? Und was möchte ich überhaupt erreichen? Und wen möchte ich denn überhaupt ansprechen? Das ist das Wichtigste im Branding-Prozess.

Er sollte auch für sich selbst definieren: Wie nehme ich meine Fans denn überhaupt wahr und wie nehmen die Fans mich wahr? Eine wichtige Frage ist hier zum Beispiel auch was die Leute denn überhaupt von mir erwarten. Als Rockmusiker wird halt teilweise vielleicht auch mal erwartet, dass er ein Hotelzimmer auseinandernimmt.

Das ist jetzt natürlich ein extremes Beispiel. Aber grundsätzlich ist es schon irgendwie auch so: gebt den Leuten was sie wollen. Ein Stück weit muss man sich da tatsächlich auch anpassen, oder versuche total aus dem Rahmen zu fallen.

Welchen Stellenwert haben die individuellen Künstlerbedürfnisse innerhalb des Personal Brandings?

Die spielen letztendlich eine große Rolle. Denn je näher man an seine eigene Authentizität herankommt, an die eigene Persönlichkeit, desto leichter fällt das Personal Branding. Man läuft einfach viel weniger Gefahr aus der jeweiligen Rolle herauszufallen. Das erfordert aber auch ein großes Maß an Disziplin.

Auf der anderen Seite sollte man sich schon darüber im Klaren sein, dass man prinzipiell alles denken kann, aber nicht zwingend alles auch äußern muss.

Gibt es hierbei Bedürfnisse die besonders wichtig sind?

Hier kommt es eigentlich wieder zurück auf den eigenen Charakter und das Charisma das ein Künstler hat und die Frage wie und wann sich ein Künstler wohl fühlt. Es gibt ja hervorragende Musiker und Musikkünstler die wunderbare Musik machen, aber dann letztendlich doch lieber alleine in ihrem stillen Kämmerlein bleiben. Nicht jeder ist für die Öffentlichkeit gemacht. Trotzdem hat jeder Musikkünstler auch Träume die er sich gerne erfüllen möchte und das sollte hier schon auch berücksichtigt werden.

Wenn ein Künstler sich erträumt Rockmusik zu machen, dann darf man ihn nicht irgendwo in die Schlagerschublade stecken. Für kurze Zeit mag das vielleicht klappen, aber auf Dauer wenn man durchgehend an den Bedürfnissen und Träumen des Künstlers vorbeiarbeitet, geht das nicht gut. Bestes Beispiel hierfür wäre Roy Black damals. Der wollte mit der ganzen Schlagersache auch nie was zu tun haben, aber das Label hat ihm das quasi aufgedrückt.

Welche Ansatzpunkte eigenen sich um als Künstler die eigene Marke nach außen hin zu definieren?

Ganz klar natürlich allgemein durch die Außenkommunikation. Als Künstler musst du zeigen wer du bist und was du kannst. Da kann man ruhig auch mal ein wenig übertreiben und mit Selbstbewusstsein glänzen. Das heißt man sollte sich möglichst schnell öffentlich machen. Ganz wichtig ist hierbei ein gewisser Wiedererkennungswert. Das sollte man möglichst klar herausarbeiten und auch so kommunizieren.

Hier gibt es letztendlich auch vielerlei Möglichkeiten bezüglich des Wiederkennungswertes, das kann so gut wie alles sein. Logos sind da sicherlich die erste Wahl, kann aber auch dahingehen, dass man eine spezielle Gitarrenmarke oder Form benutzt. Im Endeffekt sind da der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Auch das Äußere des Künstlers kann wichtig sein. Sieht man sich mal Michael Jackson an, da ging viel über das Äußere.

Manche Musikkünstler haben aber auch von sich aus schon einen Wiedererkennungswert. Zum Beispiel Joe Cocker mit seiner Stimme. Da weiß jeder der die Stimme hört „ah das ist Joe Cocker“. Am Ende sollten hier auch alle verfügbaren Kanäle genutzt werden. Man darf sich als Musiker nicht mehr nur darauf verlassen über das Radio bekannt zu werden.

Sicher gibt es da auch Ausnahmen, aber in der Regel klappt sowas nur in den seltensten Fällen. YouTube ist hier auf jeden Fall ein Portal auf dem man vertreten sein sollte, alleine aufgrund der Teilbarkeit innerhalb der verschiedenen sozialen Netzwerke. Zu Beginn ist die Wahl des Künstlernamens auch entscheidend. Wenn da jemand Hans-Hubert Meierschmidt heißt, wird er sich vielleicht ein wenig schwertun Karriere damit zu machen.

Gibt es hierbei Unterschiede im Vergleich zum herkömmlichen Branding von Unternehmen?

Vom handwerklichen eigentlich nicht. Man hat seine Werte, die Markenwerte und das Zielpublikum und dem willst du dann etwas verkaufen. Der Unterschied besteht letztendlich darin, dass Unternehmen Produkte an den Mann oder Frau bringen wollen. Unternehmen definieren sich einfach auch sehr stark über ihre Produkte.

Der Musikkünstler hat auf der anderen Seite ja zwar auch Produkte die er anbietet, seine Musik, aber ein Künstler ist was das anbetrifft eher ein Dienstleister. Ein Dienstleister der Emotionen vermittelt. Fans gehen ja nicht auf ein Konzert weil da jetzt eine Stunde lang schöne Musik läuft, das könnten sie auch zuhause. Sie gehen dorthin um den Künstler zu sehen, um unterhalten zu werden. Sie möchten diese Erfahrungen dann   auch mit anderen Menschen teilen und einfach eine schöne Zeit haben.

Wenn du eine Bohrmaschine verkaufen willst, nützt es nicht den Leuten die Bohrmaschine mit samt ihren technischen Vorzügen anzupreisen. Denn im Grunde wollen die Menschen keine Bohrmaschine, sondern ein Loch in der Wand. So ist das letztendlich im übertragenen Sinne auch in der Musikbranche.

Muss innerhalb des Branding-Prozesses zwischen der Musik als Markenprodukt und dem Künstler als Personal Brand differenziert werden?

In weiten Teilen gehört das schon zusammen. Der Künstler steht ja in gewisser Weise mit seiner Marke für das Musikprodukt. Im Endeffekt ist das ja seine Dienstleistung die er anbietet, muss aber natürlich authentisch sein. Aber am Ende verkauft sich eben ein Album besser, wenn die Persönlichkeit hinter der Musik einen begeistert und abholt. Deshalb sollte da schon ab und zu ein wenig mehr Zeit investiert werden.

Die Musik und die optische Marke, muss manchmal auch gar nicht zwingend übereinstimmen. Ein Opernsänger der in Lederklamotten auf der Bühne steht, kann alleine durch diesen gewissen Widerspruch unglaublich interessant werden. Sowas funktioniert aber sicher nicht überall. Hier kann diese Diskrepanz zwischen Erwartung und tatsächlichem Auftreten ziemlich spannend sein. Als Gesamtpaket sollte es aber alles einigermaßen zusammenpassen.

Wie wichtig, ist es für einen Künstler nach einer persönlichen Vision zu handeln?

Letztendlich ist das eigentlich für jeden Menschen extrem wichtig. Oftmals ist man beschäftigt sich selbst Ziele zu setzen, wie zum Beispiel möglichst viel Geld zu verdienen usw. Das eigentliche Lebensziel ist das aber bei den meisten Menschen gar nicht, sondern sie wollen einfach eine Familie haben und zufrieden leben. Hier geht es vielmehr um die Frage was bedeutet für mich persönlich Erfolg und vor allem auch Glück. Das ist bei jedem Menschen und bei jedem Musikkünstler am Ende total unterschiedlich und sehr wichtig.

Ich denke das hat dann auch einen großen Einfluss auf alle anderen Bereiche. Wenn ich als Künstler meine Privatsphäre als absoluten Rückzugsort sehe, wird eine Homestory in der Presse wohl eher nicht funktionieren. Man muss hier schon sehr konsequent sein.

Wie lässt sich die Zielgruppe eines Künstlers effektiv bestimmen?

Das definiert sich zunächst durch die Musik die der Künstler machen möchte. Hier gibt es ja teilweise klare Gruppen und Genres. Wenn ich in einem gewissen Genre unterwegs bin gibt es einfach gewisse Mechanismen und Anforderungen die man erfüllen muss um dazu zu gehören. Das betrifft auch die Menschen innerhalb der Zielgruppe. Man muss dann analysieren wo finde ich denn die Leute, die sich mit meiner Musik identifizieren können. Leute die privat gerne Klassik hören tummeln sich möglicherweise nicht unbedingt auf YouTube.

Hier hilft ein klarer Blick auf sich selbst und dann eine logische Schlussfolgerung bezüglich der genutzten Kanäle meiner Hörerschaft. Naja und sobald ich darüber Bescheid weiß, kann ich ins Detail gehen und mir anschauen was das denn grundsätzlich für Leute sind die sich in den jeweiligen Kanälen finden lassen und danach klar auch meine Kommunikation ausrichten.

Welche Risiken beinhaltet der Branding-Prozess eines Musikers?

Das größte Risiko besteht darin die eigene Zielgruppe nicht zu erreichen. Wenn man da total daneben kommuniziert kann das schwer nach hinten losgehen. Vor allem, wenn man sich viel zu breit aufstellt. Man kann es einfach nicht jedem Recht machen und kann auch nicht jeden Einzelnen individuell bedienen. Die Menschen sehnen sich ja auch in gewisser Maßen nach Experten und Spezialisten. Wenn sich jemand mit einer Gitarre auf die Bühne stellt, dann erwarte ich, dass der richtig gut ist, nicht irgendwie nur ganz ok. Und da interessiert mich auch nicht ob der jetzt vielleicht noch Trompete spielen könnte.

Man will da schon auch eine gewisse Leistung sehen und erwartet das auch. Wenn man also als Künstler ein viel zu großes Spektrum aufweisen will, ist man gar nicht in der Lage alles gleich gut und überzeugend rüberzubringen. Sowas funktioniert einfach nicht.

Welchen Stellenwert hat das interne Künstlerumfeld innerhalb des Personal Brandings?

Das ist ganz wichtig. Von seinem internen Umfeld erhält der Musikkünstler ja oftmals das initiale und direkte Feedback. Das sind die Leute die einem als erstes sagen wie man nach außen hin tatsächlich wirkt. Man hat ja selbst von sich immer ein anderes Wahrnehmungsbild als wie es andere Leute letztendlich haben. Deshalb ist das interne Umfeld immer ganz wichtig um dahingehend ein wenig Klarheit zu erhalten.

Das was wir sagen ist ja oftmals nicht immer kongruent zu dem was der andere versteht und wenn er es versteht, muss er noch lange nicht damit was ich sage einverstanden sein. Das interne Künstlerumfeld muss diesbezüglich aber total ehrlich sein. Vielleicht muss man das auch als Musikkünstler dann klar einfordern.

Was sind die Aufgaben des Labels oder Managements (falls vorhanden) um den Künstler innerhalb des Branding-Prozesses zu unterstützen?

Da ist weniger handwerkliches Können gefragt, sondern tatsächlich eher psychologische Fähigkeiten. Hier braucht es jemanden der Künstler auf seinem Weg begleitet und ihm Ratschläge gibt. Man darf einen Musikkünstler auch nicht einfach sich selbst überlassen und dann am Ende fallen lassen, weil es nichts wurde mit dem Erfolg.

Welche Probleme und Konflikte ergeben sich im Spannungsfeld zwischen Musikkünstler und seinem Umfeld, wenn es um Personal Branding geht?

Sicher können hier Probleme entstehen. Denn letztendlich ist ein Label ja nichts anderes als ein Unternehmen, so wie ein Fußballclub. Da geht es nicht um wunderschöne Musik, sondern darum Geld zu verdienen. Die stehen alle unter enormen Konkurrenzdruck, da kann manchmal keine Rücksicht auf die langfristige Entwicklung des Künstlers genommen werden. Das Geld muss irgendwie reinkommen. Labels versuchen da ab und zu schon wirklich gewisse Künstler so hinzudrehen wie es der Markt gerade verlangt.

Wie lassen sich diese Probleme lösen?

Das kommt sicher auf den Einzelfall an und die Art des gegenseitigen Verhältnisses. Wenn sich die Beziehung tatsächlich nur auf eine rein geschäftliche Beziehung ohne persönlichen Background usw. reduziert, lässt sich das oft nur durch einen kompletten Schlussstrich lösen. Reden hilft da manchmal nicht mehr.

Wie kann sich der Musikkünstler mit seiner persönlichen Marke auf dem Markt erfolgreich positionieren?

In dem er sich auf die Bühne stellt. Das ist aber nicht nur wörtlich zu verstehen, sondern sehr Vielseitig gemeint. Auch YouTube kann eine Bühne sein. Damit ist eher gemeint sich in die Öffentlichkeit zu begeben. Ohne öffentlichen Auftritt weiß ja kein Mensch wer du bist und du hast keine Möglichkeit dich zu positionieren. Das kann nur durch öffentliche Sichtbarkeit und Kommunikation passieren.

Ganz wichtig dabei ist es aber den Fan immer auch am Leben teilhaben zu lassen. Heute will der Fan einfach vielmehr  und eine langfristige Bindung zum Künstler aufbauen. Das muss man als Künstler natürlich auch sehen und in diese Richtung arbeiten. Man könnte teilweise fast schon sagen, dass das in Richtung Ersatzreligion geht. Man beschäftigt sich mit der Person, leidet oder freut sich mit ihm, trifft auf Gleichgesinnte usw. Es bilden sich hieraus ja dann auch schnell Communities und Fanclubs. Wenn der Künstler es hinbekommt einen Fanclub um sich herum zu bilden, hat er es wirklich geschafft.

Wie und über welche Kanäle oder Plattformen kann die Personal Brand eines Musikers effektiv vermarktet werden?

Im digitalen Zeitalter in dem wir leben sind das natürlich ganz klar die sozialen Medien. Das ist am kostengünstigsten und letztendlich auch am schnellsten. Da brauch ich keine langen Vorlaufzeiten, sondern kann sofort loslegen. Wenn heute jemand zur Marke werden möchte dann muss er das zwangsläufig über die sozialen Netzwerke machen und dort seine Zielgruppe ansprechen. Einfach auch aufgrund der Tatsache, dass bei Facebook quasi alles sind. Da muss man schon auch mitspielen. Und grundsätzlich verkauft ja der Musiker mit seiner eigenen Persönlichkeit auch seine eigenen Produkte mit. Sicher empfiehlt es sich heute immer noch als Basis die eigene Homepage zu haben, aber das wird in Zukunft immer weniger eine Rolle spielen.

In den sozialen Netzwerken kann ich ja letztendlich genau die richtigen Leute ansprechen und für mich gewinnen. Du kannst da ja auch alles machen was du willst. Sei es Bilder und Texte posten, Videos hochladen und jetzt mittlerweile sogar auch noch Live-Übertragungen. Da sind einfach alle Werkzeuge die man braucht vorhanden und müssen nur noch genutzt werden. Das ist gerade für Nachwuchskünstler eine wirklich tolle Entwicklung.

Welche Rolle spielen hierbei die sozialen Netzwerke und die hiermit verbundene Erstellung von eigenem Markencontent?

Insgesamt ist Storytelling hier ein wichtiger Punkt. Du musst den Fans Content mit gewisser Substanz liefern. Mit Hintergrundgeschichten und Sachen für die sich der normale Fan eben interessiert. Zum Beispiel Makings-ofs, oder behind the scenes. Hier gilt wieder mal content is king, context is queen. Gerade auch in Leerlaufzeiten wo keine Single oder Album veröffentlicht wird, ist das unglaublich wichtig um die Öffentlichkeit bei Laune zu halten und sichtbar zu bleiben.

Der Kreativität sind hier auch wieder absolut keine Grenzen gesetzt und das ist ja auch in gewisser Weise das Schöne daran. Je populärer man werden will, desto mehr muss man auch bereit sein zu geben. Mehr geben als nehmen heißt hier das Motto.

Was kann der Künstler selbst dafür tun um seine Marke zu „vermarkten“?

Das Thema Selbstvermarktung ist sicher ein großes Thema für Musikkünstler heutzutage. Einzig und alleine auch aufgrund der vielen neuen Möglichkeiten. Da braucht es teilweise gar keine Labels etc. mehr. Das wird alles auch noch viel stärker wachsen und auch genutzt werden. Im Grunde genommen braucht man heute für Musik nur noch einen vernünftigen Mac und man kann ein Album in wahnsinnig guter Qualität aufnehmen. Das bietet ganz neue Möglichkeiten. Man kann seine Alben beispielsweise komplett nur online auf der eigenen Fanseite veröffentlichen. Vieles ist hier möglich mittlerweile.

Grundsätzlich kann hier auch vieles automatisiert werden. Denn alles was digitalisiert ist, kann auch letztendlich automatisiert werden. Darüber sind sich viele Leute in der Musikbranche aber noch gar nicht hinreichend bewusst. Zukünftig braucht der Künstler eigentlich gar keine Agentur mehr, sondern nur noch einen guten Online- Manager der sein Album vermarktet und kann sich dann den Rest der Zeit um seine Musik kümmern.

Welchen Stellenwert hat „Storytelling“ innerhalb des Personal Brandings von Musikkünstlern?

Storytelling ist immens wichtig. Menschen lieben Geschichten. Grundsätzlich hat das auch wissenschaftlichen Hintergrund. Unser Gehirn verarbeitet in Geschichten eingebettete Informationen wesentlich schneller und besser, als wenn man nur mit den langweiligen Fakten ankommt.

Welche Herausforderungen und Probleme ergeben sich innerhalb des Personal Brandings bei persönlichem face-to-face-Kontakt mit Fans und Pressevertretern?

Vor allem die Problematik, dass die Marke in solchen Situationen plötzlich in sich zusammenfällt. Weil der Künstler einfach nicht in der Lage ist, das zu erfüllen was er nach außen hin kommuniziert und zu wecken versucht. Online kannst du ja sehr viel sagen und tun, aber letztendlich musst du das ja auch in der Realität leben und so umsetzen können. Wenn die Realität aber plötzlich gar nichts mehr damit zu tun hat was du davor kommuniziert hast, entstehen

Wie können diese Probleme gelöst werden?

Letztendlich genau das, was den meisten Menschen unglaublich schwer fällt und zwar eine ganz klare und transparente Kommunikation. Einfach klar sagen: „es tut mir leid, ich habe Scheiße gebaut, könnt ihr mir noch einmal verzeihen?“. Da muss auf jeden Fall aber auch irgendwas darauffolgen. Irgendeine Aktion mit der man versucht den Fehler wieder gut zu machen. Das muss dann auch klar kommuniziert und gezeigt werden, dass man etwas macht. Zu Fehlern zu stehen ist hier schon sehr wichtig.

Welche Bedeutung hat das aktive Networking eines Künstlers für den Aufbau der Personal Brand?

Hier gilt wie in anderen Branchen auch: Empfehlungsmarketing ist das Beste was dir passieren kann. Gerade wenn man neu in eine Branche kommt, musst du auf dich aufmerksam machen. Erzähl erst mal allen Freunden und Verwandten was du machst, denn vielleicht kennen die jemanden der dir weiterhelfen kann. Es gibt ja auch die Theorie, dass jeder Mensch mit jedem Menschen über maximal 6 Ecken verwandt ist. Netzwerke können einem schon ungemein viel helfen.

Welche Rolle spielt diesbezüglich die Authentizität des Künstlers?

Die Authentizität steht auf jeden Fall an erster Stelle und ist enorm wichtig. Denn nur dann wenn der Künstler authentisch ist, wird sich seine Marke auch auf lange Sicht halten und durchsetzen können. Es gibt aber auch Leute die ganz klar sagen „ich spiele jetzt für 10 Jahre eine Rolle und dann ziehe ich mich zurück“.

Sowas gibt es natürlich auch und benötigt vielleicht einen gewissen Grad weniger Authentizität. Man muss ja auch nicht immer seine komplette Identität nach Außen kehren. Es reicht, wenn man sich ein paar Hauptelemente herauspickt und die dann verfolgt. In einer Band habe ich aber natürlich das Problem, dass ich hier mehrere Charaktere und Persönlichkeiten habe, die allesamt für irgendetwas stehen. Das dann unter einen Hut zu bekommen ist schon manchmal schwierig. Die Authentizität kann darunter manchmal schon leiden. Als einzelner Künstler ist das aber ungemein wichtig authentisch rüberzukommen.

Welchen Wirkungsradius umfasst die Personal Brand eines Musikkünstlers?

Eigentlich einen allumfassenden. Das kann aber sicher auch in gewisse Phasen der Künstlerkarriere aufgeteilt werden. Am Anfang der Karriere wirkt sich deine Marke vielleicht noch nicht allzu stark aus. Im Laufe der Zeit kann die eigene Personal Brand aber tatsächlich auch Trends setzen. Das beste Beispiel ist Elvis Presley, da tragen heute noch Leute Frisuren so wie er, oder Covern seine Songs und Auftreten als Coverkünstler. Hier stellt sich immer auch die Frage ob man selbst nur eine Rolle spielt oder tatsächlich die Marke auch innerlich

Wie weit darf Personal Branding gehen um „steuerbar“ zu bleiben?

Das ist meiner Meinung nach steuerbar. Man braucht dazu aber eine ganz klare Strategie in der gesagt wird was ich erreichen möchte und was sind meine Tabu-Zonen. Grundsätzlich lässt sich das steuern, aber kann sich natürlich auch verselbstständigen. Sowohl positiv, als auch negativ.

An welchen Parametern lässt sich der Erfolg einer Personal Brand messen?

Wir leben ja in einer sehr zahlengetriebenen Welt. Der erste Parameter der über den Erfolg einer Marke entscheidet ist zwangsläufig immer wie viel Geld reinkommt und wie viele Platten, Downloads etc. verkauft werden. Weitergehend ist die Popularität eines Künstlers auch ein Kriterium des Erfolges. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass man nur auf die Follower, oder Likes bei Facebook schaut. Hier kann ja auch viel eingekauft werden.

Aber am Ende nützt es mir überhaupt nichts, wenn ich zwar viele Follower habe, am Ende aber niemand meine Platten kauft. Man muss sich hier schon wirklich detailliert anschauen, dass hier reale Zahlen und Anhaltspunkte herangezogen werden. Wenn ich 500 Follower habe und davon 300 mein Album kaufen, ist das ja viel besser, als wenn ich 10000 Follower habe, aber nur 4 Leute mein Album kaufen. Chartplatzierungen sind bei größeren Künstler sicher auch noch ein zu beachtender Punkt. Weitergehend natürlich auch Awards, goldene Platten und gewonnene Preise. Vor allem Zuschauerpreise.

Eine gewisse Konstanz ist hier natürlich auch noch sehr wichtig. Manche Leute landen nie in den Top3 der Charts, verdienen aber trotzdem unglaublich viel Geld. Mehr als mancher der einmal auf der 1 gechartet ist.

Copyright Maximilian Stochert 2017